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Neuerscheinung: Markus Nesselrodt, Dem Holocaust entkommen

Cover_Dem Holocaust entkommen

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News vom 03.05.2019

Die am Selma Stern Zentrum entstandene Dissertationsschrift von Markus Nesselrodt: Dem Holocaust entkommen. Polnische Juden in der Sowjetunion, 1939-1946 ist in der gemeinsam mit dem Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien herausgegebenen Reihe Europäisch-jüdische Studien bei de Gruyter erschienen. Die Arbeit hatte 2018 den Wissenschaftlichen Förderpreis des Botschafters der Republik Polen und 2019 den Irma-Rosenberg-Preis erhalten.

Die Studie untersucht die vielfältigen Erfahrungen von 300.000 polnischen Jüdinnen und Juden in der unbesetzten Sowjetunion während des Zweiten Weltkrieges. Der Fokus auf individuellen Schicksalen stellt dabei eine Neuerung in der Historiografie zum polnisch-jüdischen Kriegsexil dar. Durch die Analyse von Selbstzeugnissen aus sieben Jahrzehnten in jiddischer, deutscher, polnischer und englischer Sprache konnte gezeigt werden, dass die Exilerfahrungen polnischer Jüdinnen und Juden in der Sowjetunion komplexer waren als bislang dargestellt. Das Schicksal der Exilanten war im Zeitraum zwischen 1939 und 1946 stets politischen Einflüssen unterworfen, auf die die Betroffenen keinen Einfluss hatten. Insbesondere die diplomatischen Beziehungen der Sowjetunion mit Polen und Großbritannien, aber auch mit den Vereinigten Staaten von Amerika wirkten sich auf die Lebensbedingungen aus. Exilanten verfügten jedoch zugleich im Alltag über einen größeren Handlungsspielraum als bislang angenommen. Als besonders wichtig erwiesen sich dabei Sprachkenntnisse und die Fähigkeit, sich schnell in die sowjetische Gesellschaft zu integrieren. Unter den Bedingungen des Krieges war es zudem wiederholt notwendig, sich am Rande der Legalität zu bewegen, um das eigene Überleben oder das der Familie zu gewährleisten. Ebenfalls konnte gezeigt werden, dass viele Exilanten einen regelmäßigen und freundschaftlichen Kontakt zur einheimischen Bevölkerung pflegten, der ihnen nicht selten ermöglichte, unter denselben Bedingungen zu leben und zu arbeiten wie sowjetische Staatsbürger. Die dargestellte Periode zwischen 1939 und 1946 ist durch die Erfahrungen der häufigen, und nicht selten illegalen, Grenzüberschreitung gekennzeichnet. Flucht, Deportation, Evakuierung und Repatriierung beschreiben das Spektrum erzwungener und freiwilliger Mobilität, die für die hier dargestellten polnischen Jüdinnen und Juden zum Erfahrungsalltag gehörte. Die Studie endet mit der Feststellung, dass die hier untersuchte Gruppe zwar die Mehrheit der polnisch-jüdischen Kriegsüberlebenden bildet, ihre Zugehörigkeit zum Kollektiv der Holocaustüberlebenden jedoch seit dem Kriegsende immer wieder neu verhandelt wurde und bis heute wird. 

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