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Nachgefragt... mit Dr. des. Mirjam Wilhelm

Mirjam Wilhelm

Mirjam Wilhelm

Mirjam Wilhelm hat Kunstgeschichte in Trier, Graz, London (UK) und Frankfurt am Main studiert. 2018 war sie Visiting Assistant in Research an der Yale University in New Haven (USA). Sie ist Alumna der Studienstiftung des Deutschen Volkes sowie des DFG-Graduiertenkollegs Selbst-Bildungen. Praktiken der Subjektivierung in historischer und interdisziplinärer Perspektive der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, an der sie 2020/21 ihre Promotion abgeschlossen hat. Seit 2021 ist sie als wissenschaftliche Projektmitarbeiterin am Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust Studien (VWI) tätig. In Ihren Forschungen befasst sie sich mit Jüdischer Kunst der Moderne und NS-Verfolgung, Transnationalen Avantgarde-Studien und Kunstwissenschaftlichen Gender Studies. Im Juni und Juli 2021 ist sie Selma Stern PostDoc-Fellow am ZJS.

News vom 30.06.2021

Vorweg: Was machen Sie in dieser aktuellen Situation der Corona-Pandemie?

Der Ausbruch der Corona-Pandemie fiel mit der Abschlussphase meiner Promotion zusammen und hat mich angesichts zeitweise ganz geschlossener Archive, Bibliotheken und Museen vor einige Herausforderungen gestellt. Ich bin sehr froh, diese Hürde genommen zu haben und freue mich jetzt als PostDoc-Fellow des ZJS in den Monaten Juni-Juli 2021 virtuell am spannenden Semesterprogramm des Zentrums teilzunehmen.

1. Woran arbeiten Sie gerade?

Ich arbeite derzeit an einem Buch über die heute völlig unbekannte, österreichisch-jüdische Künstlerin Vjera Biller (1903-1940), das im nächsten Jahr erscheinen wird. Aus diesem Kontext heraus ist auch das Forschungsprojekt, das ich im SoSe 2021 als PostDoc-Fellow des ZJS weiterverfolge, entstanden: In dessen Rahmen verorte ich Biller und ihr von primitivistischen Momenten der Selbst-Orientalisierung geprägtes Oeuvre im breiteren Kontext des Berliner Sturm-Expressionismus, den sie mit Künstlerkolleg:innen wie Marc Chagall und Else Lasker-Schüler teilt.

2. Was ist Ihre zentrale These?

Eine ganze Generation in der Zwischenkriegszeit überaus erfolgreicher, jüdischer Avantgardistinnen – darunter Vjera Biller – ist in der bisherigen Kunstgeschichtsschreibung systematisch ignoriert und vernachlässigt, bisweilen auch aktiv aus ihr herausgeschrieben worden.

3. Wo sehen Sie die Relevanz der Jüdischen Studien für den Allgemeingültigkeitsanspruch der Wissenschaft?

Einer Wissenschaft, die für sich selbst Allgemeingültigkeit beansprucht anstatt die eigenen, inhaltlichen und methodologischen Pfadabhängigkeiten, Blindstellen und Universalismen zu reflektieren, stehe ich kritisch gegenüber.

4. Wo sehen Sie die engsten Verbindungen zwischen den Jüdischen Studien und der Kunstgeschichte?

Beide Disziplinen verbindet ihr gemeinsames Interesse am Kulturellen in all seinen unterschiedlichen Ausprägungsformen (Philosophie, Religion, Musik, Literatur). Die Kunstproduktion der Avantgarden zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Bereich Graphik, Malerei, Skulptur und Kunsthandwerk ist besonders stark von jüdischer Teilhabe geprägt gewesen und bildet damit – jenseits des Mediums Text – einen spannenden und aufschlussreichen Forschungsgegenstand. 

5. Was ist, Ihrer Meinung nach, die wichtigste Quelle zum Forschungsschwerpunkt?

Zum einen: Margaret Olins The Nation Without Art. Examining Modern Discourses in Jewish Art, das einen außerordentlich wichtigen, innerfachlichen Diskurs über die Perpetuierung antijüdischer Inhalte in der Historiographie der Kunstgeschichte angeregt hat. Zum anderen: Lisa Silvermans Becoming Austrians. Jews and Culture Between the World Wars, das für mich eine der lesenswertesten und konzisesten Studien zur österreichisch-jüdischen Kulturgeschichte der Zwischenkriegszeit bleibt und sich dem Thema auch aus einer besonders spannenden Gender-Perspektive widmet. 

6. Was wünschen Sie sich für die Jüdischen Studien?

Mein Wunsch wäre, dass die Jüdischen Studien, genau wie die Kunstgeschichte, ihren Ruf als sogenanntes Orchideenfach ablegen und dass ihre Relevanz sowie ihr Potenzial als multiperspektivisches Forschungsfeld stärker in der (Hochschul-) Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

7. Was sollte nach Ihrer Meinung aus Ihrem Forschungsbereich in die Gesellschaft Eingang finden? 

Mehr gesellschaftliches Bewusstsein für Momente der Intersektionalität, die sich exemplarisch in Biller Biografie – einer in der NS-Zeit als „geisteskranke“, „jüdische“ und „homosexuelle“ Frau verfolgten Künstlerin – verdichten und eindringlich vor Augen geführt werden.

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