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Nachgefragt... Prof. Dr. Sina Rauschenbach

Sina Rauschenbach

Sina Rauschenbach

Prof. Dr. Sina Rauschenbach hat Mathematik und Philosophie an der Freien Universität Berlin studiert und wurde in Philosophie promoviert. Nach Stationen in Saarbrücken, Halle und Konstanz wurde sie 2010 im Fach Geschichte habilitiert. 2008/09 war sie Fellow des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Seit 2014 ist sie Professorin für Religionswissenschaft mit dem Schwerpunkt Jüdisches Denken an der Universität Potsdam. Ihr Buch Judentum für Christen. Vermittlung und Selbstbehauptung Menasseh ben Israels in den gelehrten Debatten des 17. Jahrhunderts (2012), wurde 2019 in einer englischen Übersetzung bei Lexington publiziert. Zuletzt erschien der Sammelband zur ZJS-Jahrestagung 2016 Sephardim and Ashkenazim. Jewish-Jewish Encounters in History and Literature (2021).

Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen die jüdische und christliche Wissensgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit; die sefardische Geschichte; die Geschichte von Juden in der Atlantischen Welt und den kolonialen Amerikas sowie christliche Hebraica.

Im akademischen Jahr 2020/21 ist Sina Rauschenbach Sprecherin des ZJS, zudem verantwortet sie am Zentrum den Themenbereich Sefardische Perspektiven. Im Sommersemester 2021 findet die von ihr, Carsten Schapkow und Jonathan Hirsch konzipierte Ringvorlesung Beyond Ashkenaz: Sephardim and other Jews statt.

News vom 17.05.2021

Vorweg: Was machen Sie in dieser aktuellen Situation der Corona-Pandemie? 

Ich versuche, wie viele andere auch, möglichst viel abzuarbeiten, was sich auf meinem Schreibtisch angesammelt hat, und mich nicht zu sehr von fehlenden Kontakten, schwierigen Zoom-Sitzungen, Missverständnissen und Spannungen frustrieren zu lassen. Zum Glück gab es in meinem näheren Umfeld keine schweren Krankheitsverläufe, und mein Mann und ich sind in einer sehr privilegierten Situation, die es uns verbietet, uns zu beschweren. Aber natürlich fehlen auch uns viele kleine Dinge des täglichen Lebens, die alles ein bisschen schöner machen. Gleichzeitig haben mir die letzten Monate in einem ungekannten Maße die Möglichkeit gegeben innezuhalten und nachzudenken. Ich hoffe, dass ich nach der Pandemie vieles bewusster wahrnehmen und schätzen kann, was vorher im Strudel des Alltags untergegangen ist.  

1. Woran arbeiten Sie gerade?

Ich arbeite gerade an einem letzten Aufsatz über Menasseh ben Israel, der im 17. Jahrhundert zu den wenigen Juden gehörte, die lateinische Bücher für christliche Gelehrte publizierten und auf Anfragen reagierten, wie „die Juden“ über bestimmte theologische Zusammenhänge dachten. In meinem Buch über Menasseh, das letztes Jahr bei Lexington in einer englischen Übersetzung erschienen ist, habe ich systematisch untersucht, wie Menasseh seine Argumentation änderte, je nachdem, ob er sich an eine Leserschaft von portugiesischen Juden (und ehemaligen Conversos) oder eben an christliche Theologen wandte. In meinem Aufsatz gehe ich der Frage nach, wie Menasseh seine Kenntnisse über katholische Gnadendebatten einsetzte, um protestantische Debatten in den Niederlanden zu verstehen und anderen zu erklären. Dabei gelang es ihm durch die Distanz, die er als jüdischer Beobachter besaß, auf transkonfessionelle Konstellationen im Christentum hinzuweisen, die christliche Theologen vielfach nicht sehen konnten oder wollten. 

Wenn der Aufsatz fertig ist, was hoffentlich bald der Fall sein wird, plane ich endlich ein Buchprojekt zu gelehrten Kaufleuten und Weltbeschreibungen in den frühneuzeitlichen Niederlanden abzuschließen, an dem ich schon gearbeitet habe, als ich noch in Konstanz beschäftigt war. Leider musste ich das Projekt nach meinem Ruf nach Potsdam liegen lassen, weil andere inhaltliche Akzente zu setzen waren. Jetzt möchte ich das Manuskript endlich fertig schreiben. Wenn das geschafft ist, werde ich daran weiterarbeiten, was ich mir aufgebaut habe, seit ich in Potsdam bin: einer Geschichte von Juden und Conversos in den frühneuzeitlichen Amerikas.

2. Was ist Ihre zentrale These? 

Was mich an meiner Arbeit am meisten interessiert, sind Fragen des Kulturtransfers und der kulturellen Übersetzung. Wie kommunizieren wir, wenn wir Wissen mit Menschen in anderen Sinnzusammenhängen austauschen? Wo müssen wir das, was wir sagen, an den Sinnzusammenhang unseres Gegenübers anpassen? Wie weit geht das, ohne dass unsere  ursprüngliche Aussage verfälscht wird, und welche Fehlinterpretationen gibt es dann trotzdem, gewollt oder ungewollt? 

Im Falle Menasseh ben Israels vertrete ich die These, dass er den christlichen Gelehrten seiner Zeit das Angebot gemacht hat, über einen Abrahamitischen Konsens zwischen Judentum und Christentum (der Islam war für ihn nicht von Interesse) nachzudenken: eine Schnittmenge, innerhalb derer man sich einig ist und zusammen Probleme lösen kann, ohne dass deshalb irgendjemand aufgeben müsste, was jenseits dieser Schnittmenge liegt und Judentum und Christentum voneinander unterscheidet. Menassehs Idee war es, in der Schnittmenge zu einem gleichberechtigten Austausch mit christlichen Theologen zu finden, sich über sein Wissen Anerkennung zu verschaffen und dann diese Anerkennung zu nutzen, um insgesamt das Bild und die Situation der Juden in Europa zu verbessern. Menassehs bekannte Verhandlungen mit Oliver Cromwell und dem englischen Parlament waren in diesem Sinne nicht von seinem gelehrten Austausch zu trennen. Doch Menasseh war seiner Zeit mit der Idee einer Abrahamitischen Schnittmenge weit voraus. Seine Begegnung mit christlichen Theologen verlief nach ähnlichen Mustern, wie wir sie aus kolonialen Begegnungen kennen. Tzvetan Todorov hat das in seinem wichtigen Buch über die frühen Amerikas beschrieben: Verschiedenheit auf Augenhöhe existierte nicht. Auf gleicher Höhe war nur, wer auch gleich war. Wer anders war, war von der Begegnung auf Augenhöhe ausgeschlossen. Für Menasseh hieß das, dass er hätte konvertieren müssen, um vollwertiges Mitglied der Gelehrtenrepublik zu werden. Dass er genau dies nicht tat und dennoch um Anerkennung bemüht war, traf auf Unverständnis und produzierte Missverständnisse. 

Man sieht hier übrigens sehr genau, dass Erkenntnisse aus der Kolonialgeschichte helfen können, die Jüdischen Studien zu bereichern (und umgekehrt), wenn man bedacht mit den Besonderheiten und Sensibilitäten beider Fächer umgeht, was aber durch die fehlenden Berührungspunkte zwischen diesen Fächern häufig außer Acht gerät.

3. Wo sehen Sie die Relevanz der Jüdischen Studien für den Allgemeingültigkeitsanspruch der Wissenschaft?

Ich habe gerade Martha Nussbaums Nor for Profit: Why Democracy Needs the Humanitiesgelesen. In dem Buch begründet Nussbaum sehr beeindruckend, warum wir die Geisteswissenschaften heute mehr denn je brauchen, um unsere Demokratien zu stärken und Pluralität zu fördern. Die Frage ist nicht, ob wir uns die Geisteswissenschaften leisten können, wie Nussbaum Drew Faust, die ehemalige Präsidentin von Harvard, zitiert, sondern ob wir es uns leisten können, auf die Geisteswissenschaften zu verzichten! Ein Aspekt, auf den Nussbaum hinweist, ist, dass die sogenannten kleinen Fächer nicht nur dazu da sein dürfen, Spezialisten auszubilden, sondern dass es eben darum geht, Grundlagenwissen und Kompetenzen, die für alle wichtig sind, in die Gesellschaft hineinzutragen. Für die Jüdischen Studien, die Nussbaum auch erwähnt, trifft dies in besonderem Maße zu. Solange wir plurale Gesellschaften studieren, verstehen und fördern wollen, müssen wir alle Teile dieser Gesellschaften in den Blick nehmen. Hierzu gehört selbstverständlich auch die ganze Bandbreite jüdischer Kulturen und Geschichten, die diese Gesellschaften geprägt und mit zu dem gemacht haben, was sie heute sind. Gleichzeitig muss immer gefragt werden, wo und bei welchen Themen der jüdische Kontext wirklich eine Rolle spielt. Anders gesprochen: Wann haben wir es mit jüdischerLiteratur, Musik oder Kunst zu tun? Wann mit jüdischerPhilosophie? Handelt es sich, um in meiner Zeit und Welt zu bleiben, bei Spinoza um einen jüdischen Philosophen oder nicht? Unterschiedliche KollegInnen beantworten diese Frage unterschiedlich. Ich würde Spinoza ohne Frage der jüdischen Philosophie zuordnen. Aber selbst wenn ich das nicht täte, müsste ich Kenntnisse haben, was ein philosophisches System jüdischmacht, um mein Urteil zu begründen. Ich halte es daher für problematisch, wenn ein Studium der Philosophie nicht selbstverständlich das Studium einiger jüdischer Philosophen einschließt, ebenso wie es nicht sein kann, dass Geschichte ohne jüdische Geschichte studiert wird. Umgekehrt trifft selbstredend zu: Jüdische Studien ohne Kenntnisse der nicht-jüdischen Kulturen, in denen Juden leben, funktionieren auch nicht. Wie eng die Berührungspunkte sind, zeigt sich nicht zuletzt an aktuellen Diskussionen über Migration, Diasporen, Zugehörigkeiten u.v.m., die sich überschneiden und immer mehr im Austausch miteinander geführt werden.    

4. Wo sehen Sie die Bedeutung der/die engsten Verbindungen zwischen den Jüdischen Studien und den Geschichtswissenschaften?

Jüdische Studien sind interdisziplinär und epochenübergreifend. Jüdische Geschichte ist ein fester Teil der Jüdischen Studien – wie jüdische Philosophie, Kunst, Literatur und Musik Teile der Jüdischen Studien sind. Anders herum sollten jüdische Themen idealerweise Teil der Curricula in den sogenannten allgemeinen Fächern sein. Ich weiß, dass das nicht immer der Fall ist, aber für mich ist es schwierig, von einer Verbindung zwischen Jüdischen Studien und Geschichtswissenschaften zu sprechen. Man verbindet ja nur, was getrennt ist. Letztlich ist es eine Frage unterschiedlicher Fokussierungen. In den Jüdischen Studien gibt es keine Epochengrenzen und keine Beschränkungen auf historische Zugriffe. Dafür fehlen häufig die Vergleiche mit nicht-jüdischen Themen, die die Geschichtswissenschaften selbstverständlich bieten. Am besten wäre es, wenn beides zusammen ginge: Jüdische Themen sind in den wenigsten Fällen zu verstehen ohne das nicht-jüdische Umfeld, in dem sie sich verorten, und Gesellschaften, in denen Juden leben oder gelebt haben, können selten wirklich durchdrungen werden, wenn Kenntnisse hierüber fehlen. Methodisch arbeiten wir in den Jüdischen Studien genauso wie alle anderen GeisteswissenschaftlerInnen. Ich bin z.B. als Frühneuzeithistorikerin ausgebildet worden und habe mich viel mit kulturwissenschaftlichen Forschungsansätzen auseinandersetzt. Dieselben Ansätze sind natürlich auch in den Jüdischen Studien prägend. Gleichzeitig gibt es auch in den Jüdischen Studien (wie in den Geschichtswissenschaften) KollegInnen, die nicht kulturwissenschaftlich arbeiten wollen. Hier gibt es also keine Unterschiede, wenn man davon absieht, dass bestimmte Methoden mit bestimmten politischen Implikationen verbunden sind, zu denen sich KollegInnen in den Jüdischen Studien bisweilen anders positionieren als KollegInnen außerhalb der Jüdischen Studien. 

5. Was ist Ihre Lieblingsquelle zum Forschungsschwerpunkt? 

Ich habe in den letzten Jahren viel über die Erinnerungen Luis de Carvajals gearbeitet, der 1596 von der Inquisition in Mexiko zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurde. Carvajal war einer der Vielen, die auf der Iberischen Halbinsel als geheime Juden (sogenannte Kryptojuden) aufwuchsen. Seine Vorfahren waren vermutlich im 15. Jahrhundert getauft worden. Teile der Familie waren zu überzeugten Christen geworden, andere hatten jüdische Traditionen aufrechterhalten. Luis wurde als junger Mann in die geheime jüdische Welt der Familie eingeführt. In Neuspanien (dem heutigen Mexiko), wohin die Familie auswanderte, wurde er zu einer zentralen Person in kryptojüdischen Netzwerken. Nach dem ersten Prozess, der für die Familie noch relativ glimpflich ausging, schrieb Carvajal an seinen Erinnerungen, in denen er auf bewegende Art und Weise sein geheimes jüdisches Leben mit all seinen Ängsten und Bedrohungen offenlegte. Das war insofern besonders (und auch ein bisschen verrückt), als Kryptojuden, solange sie in Freiheit waren, im Normalfall alles taten, um keine Zeugnisse von ihrem geheimen jüdischen Leben zu hinterlassen. Aber Carvajal sah sich selbst – ganz unjüdisch – als Missionar und Erlöserfigur und fühlte sich verpflichtet, über seinen Weg der Erleuchtung Zeugnis abzulegen. In der Tat nutzte die Inquisition seine Erinnerungen im zweiten Prozess als Beweis und überlieferte eine Abschrift des Dokuments in den Prozessakten. Das Original, das lange als verschollen galt, wurde gerade erst wiedergefunden und nach Mexiko zurückgebracht. Von den Erinnerungen gibt es zwei englische Übersetzungen, die ich häufig in meinen Seminaren verwende. In Potsdam und in Konstanz haben wir 2015 mit Unterstützung der Universitäten Teile des Textes in deutscher Übersetzung aufgeführt und mit der Uraufführung eines Liederzyklus des argentinischen Komponisten Osias Wilenski nach Gedichten von Carvajal verbunden. Inzwischen ist die Partitur publiziert, und wir hoffen, dass sich weitere Gelegenheiten ergeben, die Texte, die Musik und das Thema einem größeren Publikum vorzustellen.     

6. Was wünschen Sie sich für die Jüdischen Studien? 

Ich wünsche mir, dass die Jüdischen Studien aus ihrem Nischendasein herauskommen und selbstverständlicher als das wahrgenommen werden, was sie sind – ein interdisziplinäres Feld, das in andere Disziplinen liefert und aus ihnen schöpft. Nur dann, wenn jüdische Themen selbstverständlich in die Curricula anderer Fächer eingehen, werden die Studierenden auch die Berührungsängste mit ihnen verlieren. In Potsdam und im ZJS verstehen wir uns explizit als WissenschaftlerInnen, die Themen aus anderen Instituten aufgreifen und umgekehrt wieder jüdische Themen in die Institute zurückvermitteln. Ich unterrichte daher nicht nur Studierende der Jüdischen Studien, sondern auch immer mehr Studierende anderer Studiengänge, die sonst gar keine Verbindung zu jüdischen Themen hätten. Genau diesen Austausch, der sich nicht in Zahlen, aber in Erfahrungen niederschlägt, halte ich für wichtig und möchte ich nicht missen.  

7. Was sollte nach Ihrer Meinung aus Ihrem Forschungsbereich in den Bildungsbereich Eingang finden? 

Allgemein glaube ich, dass wir alle eine bessere, vor allem aber eine bekenntnisneutrale und über die eigene (religiöse oder nicht religiöse) Erziehung hinaus gehende kulturwissenschaftliche und vergleichende Ausbildung in religiösen Fragen brauchen. Man muss nicht religiös sein, um einzusehen, dass eine gewisse Kompetenz in Religionsgeschichte und religiösen Kulturen für eine solide akademische Grundausbildung ebenso nötig ist wie für einen neugierigen Umgang mit wachsender Diversität in unserer Gesellschaft und der eigenen Einbindung in immer größere Zusammenhänge in Europa und der Welt. Leider gibt es aber an den meisten Schulen nach wie vor keinen vergleichenden bekenntnisneutralen Religionsunterricht, der für alle Pflicht ist. Und an Universitäten fällt die entsprechende Ausbildung in die sogenannten kleinen Fächer, die die breite Gruppe der Studierenden gar nicht erreichen und ihrerseits häufig auf eine Religion konzentriert sind. Hier sollte sich meines Erachtens dringend etwas ändern.  

Was meinen besonderen Bereich anbetrifft, so würde ich mir wünschen, dass die iberisch- jüdischen Kulturen in Spanien, Portugal und später in den Amerikas stärker in den Fokus zukünftiger SpanischlehrerInnen geraten. Viele Studierende, die ich unterrichte, wissen nicht, wie verwoben jüdische, christliche und islamische Welten lange Zeit auf der Iberischen Halbinsel waren. Dabei frage ich mich, ob man Spanien überhaupt verstehen kann, ohne Kenntnis dieser Geschichte(n) und der bis heute hoch politisierten Erinnerungskulturen zu haben, die damit verbunden sind. Auch in den Lateinamerikastudien sind jüdische Themen viel zu wenig präsent. Natürlich arbeiten noch viele andere KollegInnen daran, das zu ändern. Aber wir sind nach wie vor zu wenige. 

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