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Nachgefragt... Dr. Beniamino Fortis

Beniamino Fortis

Beniamino Fortis

Beniamino Fortis ist Philosoph und Postdoktorand am Selma Stern Zentrum. Er hat in Venedig und Florenz studiert und wurde an der Universität Florenz mit einer Arbeit über „Das Ikonische und Anikonische als Paradigmen der zeitgenössischen Auffassung von Kunst und Ästhetik“ (2011, Iconico/Aniconico. Un percorso nell’estetica e nella filosofia dell’arte, Roma 2012) promoviert. In seinen Forschungen befasst er sich mit Fragen der Ästhetik, Bildwissenschaft und Jüdischem Denken insbesondere bei Franz Rosenzweig und Hermann Cohen. Am ZJS leitet er die Forschungsgruppe „Bilderverbot und Theorie der Kunst“. Zuletzt erschien seine Studie über Franz Rosenzweig: Tertium Datur. A Reading of Rosenzweig’s ‚New Thinking‘ (Peter Lang Verlag 2020).

News vom 06.04.2021

Vorweg: Was machen Sie in dieser aktuellen Situation der Corona-Pandemie?

Ich versuche, das Beste aus der Situation zu machen und die Zeit zu nutzen, um mit meinen Projekten voranzukommen. Die meiste Zeit verbringe ich mit meiner Habilitationsschrift oder anderen Schriften. Den Rest mit Online-Seminaren, -Tagungen, -Vorlesungen, -Kolloquien usw.

Manchmal fällt es mir schwer, mich selbst zu motivieren. Es wäre mir aber etwas peinlich, mich darüber zu beklagen, denn ich weiß, meine Probleme sind nur Luxusprobleme. 


1.         Woran arbeiten Sie gerade? 

Vor allem an meiner Habilitationsschrift, in der unter anderem das Verhältnis zwischen Bildauffassung und Idolatrie im Judentum aus einer philosophischen Perspektive behandelt wird. 

Darüber hinaus arbeite ich an der Herausgabe eines Sammelbandes zum Thema Bilderverbot – Image Prohibition, der noch in diesem Jahr erscheinen wird. Die Veröffentlichung gehtauf einen internationalen Workshop im Selma Stern Zentrum zurück und sammelt Beiträge von allen Mitgliedern der Forschungsgruppe, die ich leite.

Ich plane dann auch die Herausgabe eines zweiten Sammelbandes zum Thema Judentum und Dialog(Arbeitstitel). Leider kann ich nicht viel mehr dazu sagen, weil das ganze Projekt noch in der Konzeptionsphase ist.   

 

2.         Was ist Ihre zentrale These?

Das angebliche Bilderverbot, das im Zweiten Gebot des Dekalogs enthalten ist, ist eigentlich ein Idolatrieverbot. Im Judentum sind also nicht Bilder überhaupt, sondern nur Idole verboten. Das wirft eine Reihe von Fragen auf, die ich in meiner Habilitationsschrift zu beantworten versuche. Zum Beispiel: Wie genau unterscheiden sich ‚Bilder‘ und ‚Idole‘? Und davon ausgehend, dass sie unterschiedlich sind, wie werden dann nicht-idolatrische Bilder im Judentum aufgefasst, und wie andererseits nicht-bildliche Idole?  

 

3.         Wo sehen Sie die Relevanz der jüdischen Studien für den Allgemeingültigkeitsanspruch der Wissenschaft?

Ich bin immer sehr skeptisch bei solchen Ansprüchen. Ehrlich gesagt ist eine Allgemeingültigkeit für mich weder erreichbar noch wünschenswert. Ich weiß, dass ein Interview wahrscheinlich kein passender Ort ist, um eine ausführliche Diskussion darüber zu führen. Ich sage nur, dass in einem Kontext, in dem die Allgemeingültigkeit kein Ziel mehr darstellt, jede Perspektive genauso relevant wird wie jede andere – und die jüdische Perspektive ist keine Ausnahme. Die vielen Forschungsbereiche (Geschichte, Philosophie, Literaturwissenschaft usw.), die die jüdischen Studien in sich vereinen, vertreten jeweils den Standpunkt des Judentums, der zusammen mit anderen Standpunkten zur Entwicklung und zum Fortschritt der Wissenschaft beiträgt.

 

4.         Worin sehen Sie die Bedeutung der jüdischen Studien für die Philosophie? 

Innerhalb der jüdischen Studien würde ich mich nur auf das jüdische Denken fokussieren. Und selbst mit dieser Einschränkung fällt es schwer, die zwei Gebiete als einheitliche Dimensionen zu behandeln. Denn nicht nur sind philosophisches und jüdisches Denken voneinander verschieden, sondern beide sind auch intern erheblich ausdifferenziert. 

Dieser Unterschied, der sich dann auf mehrere Ebenen erstreckt, betrifft zwar Themen, Ideen, Auffassungen, aber vor allem, glaube ich, die jeweiligen Denkweisen. Anders gesagt betrifft er, wasman denkt, aber vor allem, wieman denkt. Eine ausführliche Antwort würde eine Einzelfallanalyse erfordern, die hier natürlich unmöglich ist. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, würde ich aber sagen, dass das jüdische Denken für die Philosophie die Gelegenheit eines fruchtbaren Austausches mit einer anderen Denkweise, einer anderen forma mentis, darstellt. 

 

5.         Was ist Ihrer Meinung nach die wichtigste Quelle bzw. Ihr Lieblingstext?  

Da möchte ich drei Antworten geben: ein wichtiges Buch für das Verhältnis zwischen Philosophie und jüdischem Denken, eines für meine Habilitationsschrift und, schließlich, meine Lieblingstexte im Allgemeinen.  

Trotz eines schwülstigen Stils, der das Buch an vielen Stellen unnötig schwierig macht, hat Der Stern der Erlösungvon Franz Rosenzweig den Vorzug, sich mit der gesamten philosophischen Tradition auseinanderzusetzen. Das ist gut, weil es frischen Wind in einen Bereich bringt, der sonst sein Potenzial vielleicht ausgeschöpft hätte. Die Grundlagen von Rosenzweigs Denken – seine Kritik der Totalität, seine Auffassung des Ereignisses sowie seine starke Akzentuierung der Praxis als eines Wahrheitsprinzips – sind meiner Meinung nach in der Lage, eine Herausforderung – wegen der wichtigen Rolle, die die jüdischen Quellen für Rosenzweig spielen, würde ich sogar sagen: eine jüdischeHerausforderung – für das philosophische Denken darzustellen. 

Eine der wichtigsten Studien für meine Habilitationsschrift ist bisher das Buch von Régis Debray Vie et mort de l’image. Une histoire du regard en Occident(Jenseits der Bilder. Eine Geschichte der Bildbetrachtung im Abendland).Die zentrale These ist, dass der menschliche Blick auf Bilder eine Geschichte hat, die die Art und Weise, wie wir Bilder betrachten, stark beeinflusst. Diese Ansicht ist für mich besonders relevant, denn der Unterschied zwischen Bild und Idol, worauf ein großer Teil meiner Arbeit basiert, hat viel mit dem zu tun, was Debray ‚regard‘ nennt.

Schließlich möchte ich zwei Romane empfehlen, die eigentlich sehr eng miteinander verbunden sind: Il fu Mattia Pascal(Mattia Pascal) und Uno, nessuno, centomila(Einer, keiner, hunderttausend) von Luigi Pirandello. Zum ersten Mal habe ich diese beiden Bücher gelesen, als ich dreizehn war. Mehr als die Handlung haben mich die philosophischen Reflexionen fasziniert, die sich in narrativer Form durch den ganzen Text hindurchziehen. Diesen beiden Romanen verdanke ich meine erste Begegnung mit dem Begriff ‚Perspektivismus‘. Wie sehr mich das geprägt hat, ist wahrscheinlich auch in meiner dritten Antwort spürbar. Wichtige Aspekte der Art und Weise, wie ich heute noch denke, stammen aus dieser Lektüre. 

 

6.         Was wünschen Sie sich für die jüdischen Studien? 

Die kurze Antwort ist: mehr Interdisziplinarität. 

Man könnte sagen – und das ist die lange Antwort –, dass die jüdischen Studien weniger als viele andere Bereiche einen Bedarf haben, interdisziplinär zu werden, weil sie es schon sind. Obwohl das bestimmt wahr ist, glaube ich trotzdem, dass es Raum für Verbesserungen gibt.

Wenn ich einen Blick auf den Stand der jüdischen Studien werfe, gewinne ich den Eindruck, dass sie ein sehr breites Spektrum an Themen abdecken, die aber vornehmlich mit den Mitteln der Geschichtsforschung oder der Philologie behandelt werden. Dagegen habe ich nichts. Ich weise nur darauf hin, dass auch andere Ansätze genauso wichtig und interessant und fruchtbar sein können. 

Die jüngsten Versuche, die Quellen des Judentums mit den Mitteln der Logik und der analytischen Philosophie zu untersuchen, sowie die Neuauslegungen von Tora, Talmud und sogar Kabbala im Lichte der modernen Physik sind gute Beispiele dafür, was ich meine: vielversprechende Projekte, die jedoch keinen historischen oder philologischen Ansatz verfolgen und vielleicht deshalb im Rahmen der jüdischen Studien als marginal angesehen werden. Ich bin der Meinung, dass Projekte dieser Art mehr Aufmerksamkeit verdienen, als ihnen bisher zuteilgeworden ist. 

Um es klarzustellen: Ich bin kein Logiker, habe ernste Schwierigkeiten, einige Theorien der modernen Physik zu verstehen, und ernste Zweifel daran, dass sich das bald ändern wird. Es geht also nicht um meine eigenen Forschungsvorhaben. Ich freue mich einfach auf neue Wege, auch wenn ich sie nicht beschreite. 

Was ich mir für die jüdischen Studien wünsche, ist dann eine Interdisziplinarität, die sich nicht nur in der Vielfalt der behandelten Themen manifestiert, sondern auch in einer Vielfalt von Forschungsmethoden. 

 

7.         Was sollte nach Ihrer Meinung aus Ihrem Forschungsbereich in die Gesellschaft Eingang finden?  

In meiner Forschung beschäftige ich mich unter anderem mit verschiedenen Auffassungen der Idolatrie. Auf den ersten Blick scheint das ein überholtes Thema zu sein, das höchstens zum Verständnis einiger Aspekte der Vergangenheit beitragen kann. Ob nun dieser Eindruck richtig ist, hängt natürlich davon ab, was man unter ‚Idolatrie‘ versteht. Es ist zum Beispiel wahr, dass niemand heutzutage vor Apollon oder Zeus niederkniet. Das ist aber nicht, was ich meine.

In meiner Arbeit interpretiere ich die Idolatrie eher als kritiklose Verehrung, die sich auf praktisch alles beziehen kann. Es geht mir vor allem um eine menschliche Haltung, die sich, eben weil sie menschlich ist, über ihren ursprünglichen, biblischen Kontext hinaus auch in der heutigen Gesellschaft wiederfinden lässt. 

Um also die Frage zu beantworten: Ich glaube, das Studium der Idolatrie sollte in die Gesellschaft Eingang finden, und zwar deshalb, weil idolatrische Prozesse, wenn auch in anderer Form als in der biblischen Zeit, heute leider noch aktuell sind. 

Ich hoffe, dass meine Forschung einen Beitrag auch in diese Richtung leisten kann. 

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