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Nachgefragt... Dr. Jenny Hestermann

Dr. Jenny Hestermann

Dr. Jenny Hestermann

Dr. Jenny Hestermann ist im Wintersemester 2020/21 Gastprofessorin für Israel Studies des ZJS am Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien. 2016 erschien im Campus-Verlag ihr Buch Inszenierte Versöhnung: Reisediplomatie und die deutsch-israelischen Beziehungen von 1957 bis 1984. Gerade neu erschienen ist ihr Beitrag im Sammelband Israel-Studien. Geschichte – Methoden – Paradigmen. Derzeit forscht sie u.a. zu Niedergangsdiskursen im Europa des 20. Jahrhunderts und zur Geschichte israelisch-deutscher Wissenschaftskooperationen.

News vom 14.01.2021

Vorweg: Was machen Sie in dieser aktuellen Situation der Corona-Pandemie?

Ich arbeite meist von zu Hause oder wenn möglich in der Staatsbibliothek. Archivreisen sind dieses Jahr für mich leider wie für alle ausgefallen.

1. Woran arbeiten Sie gerade?  

Ich habe zwei Projekte, die ich in meiner Zeit als Gastprofessorin dieses Wintersemester verfolge: Zum einen meineMonographie über deutsch-israelische Beziehungen in den Geisteswissenschaften zum Abschluss bringen, zum anderen meine Forschung zu Diskursen über Europa in Israel ausbauen.

2. Was ist Ihre zentrale These? 

Israel ist nicht mehr ein „herausgerissenes Stück Mitteleuropa“ wie Dan Diner es einmal formuliert hat, sondern wird immer mehr zum nahöstlichen Staat – aus diesem Grund lohnt es sich besonders sich mit den wandelnden Vorstellungen von „Europa“ in diesem – historisch bedingt in besonderer Weise – in seiner Beziehung zu Europa ambivalenten Land zu befassen.

Und zweitens: Debatten um Israel in Deutschland sind häufig Stellvertreterkriege für festgelegte ideologische Vorstellungen. Ich wünsche mir eine stärker wissenschafts- und faktenbasierte Auseinandersetzung, die selbstverständlich nicht die Shoah und den starken Einfluss dieses kollektiven Traumas auf die israelische Staatswerdung und Geschichte unterschlägt.

3. Wo sehen Sie die Relevanz der Jüdischen Studien für den Allgemeingültigkeitsanspruch der Wissenschaft? 

Die ungelöste Frage, ob Judentum ethnisch, religiös oder national zu definieren sei, ist exemplarisch für viele andere Identitäten und Zuschreibungen in unserer komplexen Welt. Im modernen Staat Israel sind Juden in der Mehrheit obwohl sie Jahrhunderte lang immer eine Minderheit waren. Jüdische Studien können so als Prisma dienen für viele spannende Forschungsfragen über gesellschaftliches Zusammenleben.

4. Wo sehen Sie die engsten Verbindungen zwischen den Jüdischen Studien und anderen Disziplinen?

Zum einen sind Jüdische Studien natürlich bedeutsam für die Vergleichende Religions- und Kulturwissenschaften ebenso wie für die Allgemeine Geschichte, aufgrund der langen christlich-jüdischen Tradition in Europa. 

Man kann sich natürlich auch als Wissenschaftsgeschichte für andere, entferntere, Disziplinen die historischen Gewordenheiten anschauen und inwiefern jüdisches Denken eine Rolle darin spielte.

5. Was ist Ihrer Meinung nach die wichtigste Quelle/Ihr Lieblingstext? 

Ich kann für die Israel-Studien alles von Derek Penslar empfehlen, und ich habe für meine jetzige Forschung sehr gewinnbringend „Glorious Accursed Europe. An Essay on Jewish Ambivalence“ von Jehuda Reinharz/Yaacov Shavit (Brandeis 2010) gelesen.

6. Was wünschen Sie sich für die Jüdischen Studien?

Mein Wunsch für die Jüdischen Studien ist, größere Aufmerksamkeit der Kultur- und Gesellschaftsgeschichte des Staates Israel nach 1948 zu schenken. Es gibt bereits einige positive Entwicklungen in der Forschungslandschaft, sie sind aber noch ausbaufähig. Aus verständlichen Gründen waren die Jüdischen Studien in Deutschland lange auf die diasporische Geschichte der Juden vor 1933 konzentriert. Aus meiner Perspektive als Zeithistorikerin gesprochen, ist es im 21. Jahrhundert an der Zeit, Israel als jüdischen Staat (auch mit 30% nicht-jüdischen Bürger*innen) in differenzierter Weise in die Forschungsbetrachtung aufzunehmen.

7. Was sollte nach Ihrer Meinung aus Ihrem Forschungsbereich im Schulunterricht/in den Bildungsbereich/in die Gesellschaft Eingang finden? 

Eine eigenständige Beschäftigung mit der israelischen Gesellschaft, ihrer Komplexität auch über den Nahostkonflikt hinaus, fehlt vielerorts noch, insbesondere im Schulunterricht und in grundständigen Studiengängen. 

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