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Nachgefragt... Prof. Dr. Carsten Schapkow

Carsten Schapkow

Carsten Schapkow

Prof. Dr. Carsten Schapkow ist Professor für moderne jüdische Geschichte an der University of Oklahoma und im akademischen Jahr 2020/21 als Lehrvertretung der Sprecherin des ZJS, Prof. Dr. Sina Rauschenbach, an der Universität Potsdam. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die deutsch-jüdische Geschichte und die sephardische Geschichte und Kultur. 

Zu seinen Veröffentlichungen gehören die Monographien „Die Freiheit zu philosophieren“: jüdische Identität in der Moderne im Spiegel der Rezeption Baruch de Spinozas in der deutschsprachigen Literatur, Bielefeld 2001 und Vorbild und Gegenbild. Das iberische Judentum in der deutsch-jüdischen Erinnerungskultur 1779-1939, Köln 2011, sowie zahlreiche Aufsätze insbesondere zum sephardischen Judentum. 

News vom 04.12.2020

Vorweg: Was machen Sie in dieser aktuellen Situation der Corona-Pandemie?

Vor allem freue ich mich sehr, hier in Berlin zu sein und bedanke mich ganz herzlich bei Frau Professorin Rauschenbach, mich eingeladen zu haben, in Potsdam 50% ihres Deputats zu vertreten. Ich freue mich auf die vielen spannenden virtuellen Semesteraktivitäten am Zentrum und insbesondere auf den Austausch mit den KollegInnen und die Arbeit mit den Studierenden in Potsdam. 

1.    Woran arbeiten Sie gerade? Bitte erläutern Sie kurz: 

Ich arbeite an einem Buch über Ernst Toller (1893-1939) mit dem Untertitel „A German-Jewish Life and the Lifelong Quest for Belonging.“ 

2.    Was ist Ihre zentrale These? 

Während der Weimarer Republik war Toller einer der bekanntesten Autoren in Deutschland.  Nur wenn wir Toller als jüdischen Autor vor dem Hintergrund seiner Zeit lesen, können wir seinem vielfältigen Oeuvre und seinem Engagement gerecht werden und ihn vor dem Vergessen retten. 

3.    Wo sehen Sie die Relevanz der Jüdischen Studien für den Allgemeingültigkeitsanspruch der Wissenschaft?

Die Jüdischen Studien sind explizit offen gegenüber anderen Wissenschaften, sie müssen es auch sein, kann doch jüdische Geschichte und Kultur nicht isoliert betrachtet werden. 

4.    Wo sehen Sie die engsten Verbindungen zwischen den Jüdischen Studien und anderen Disziplinen: 

Für mich persönlich bestehen die engsten Verbindungen zwischen den Jüdischen Studien und der Musik. Zum einen, weil Musik immer ganz unterschiedliche Menschen zusammenbringt. Zum anderen, weil es wundervolle jüdische Musik aber auch fruchtbare Kooperationen zwischen Juden und Nicht-Juden über die Jahrhunderte hinweg in unterschiedlichen Zusammenhängen gegeben hat. Und weil es noch so viel (wieder) zu entdecken gibt, was diese wichtige Zusammenarbeit ausmachte. Ich habe in Oklahoma selbst einige Konzerte zu Themen aus der jüdischen Musik mitorganisieren können und freue mich, dies auch in der Zukunft tun zu können. 

5.    Was ist Ihrer Meinung nach die wichtigste Quelle/Ihr Lieblingstext 

Ernst Toller’s Autobiographie Eine Jugend in Deutschlandist ein wunderbar nachdenklicher und ironisch gebrochener Text und empfehlenswert für jede/n, die/der über das Leben Ernst Tollers von ihm selbst mehr erfahren möchte. 

6.    Was wünschen Sie sich für die Jüdischen Studien? 

Ein stetig wachsendes Selbstbewusstsein, die Erkenntnisse und Kontroversen aus Forschung und Lehre auch nach außen in die Öffentlichkeit zu tragen. Es sollten mehr Anknüpfungspunkte mit VertreterInnenaußerhalb der Wissenschaft gesucht werden, um mehr Sichtbarkeit zu erzielen aber auch um bestehende Berührungsängste weiter abzubauen.

7.    Was sollte nach Ihrer Meinung aus Ihrem Forschungsbereich im Schulunterricht/in den Bildungsbereich/in die Gesellschaft Eingang finden? 

Meine Antwort hat nicht so sehr mit meinen spezifischen Forschungsinteressen zu tun, sondern eher mit einem allgemeinen Anliegen: Zum einen die seit dem nationalsozialistischen Terror vergessenen Autoren zu lesen und deren Leben und Werk somit vor dem Vergessen zu retten. Und zum anderen gesellschaftlich das Verständnis dafür zu vertiefen, dass der Nationalsozialismus etwas für immer zerstört hat, das nicht wiederkommen wird.

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