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Nachgefragt... Prof. Dr. Christina von Braun

Christina von Braun

Christina von Braun
Bildquelle: Milena Schloesser

Prof. Dr. Christina von Braun war Professorin am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin und ist Senior Advisor des Selma Stern Zentrums. Ihr weites Forschungsspektrum umfasst Studien zu den Gender Studies, den Jüdischen Studien und der Mediengeschichte.
Sie ist eine der GründerInnen des Selma Stern Zentrums für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. 

News vom 09.07.2020

Was machen Sie in dieser aktuellen Situation der Covid-19-Pandemie? 

Neben Sitzungen (Direktorium Zentrum Jüdische Studien und Goethe Institut) arbeite ich an einigen Aufsätzen und einer Monographie.

 

Wozu forschen Sie gerade?

Ich arbeite zurzeit an einer Geschichte der Gender Studies und der Geschlechterrollen im 20. und 21. Jahrhundert. 

Was ist Ihre zentrale These?

Die Veränderung der Geschlechterrollen, die um 1900 begann, ist nicht mehr aufhebbar. Das schließt sowohl die Gleichstellung der Geschlechter als auch die Akzeptanz von Diversität ein. Die traditionelle Geschlechterordnung (Kurzname: Patriarchat) basierte auf dem Unwissen über die Vaterschaft. Seit dem genetischen Fingerabdruck (und den Erkenntnissen, die die Zeugungsforschung des 19. Jahrhunderts sowie Genetik und Reproduktionsmedizin mit sich brachten), büßte diese Geschlechterhierarchie ihre Plausibilität ein. Zusammen mit diesen Veränderungen begannen auch die monotheistischen Religionen ihre Geschlechterordnungen zu überdenken. In der christlichen Kultur wurde die Patrilinearität und in der jüdischen Kultur die Matrilinearität in Frage gestellt. 

 

Wo sehen Sie die Relevanz der Jüdischen Studien für den Allgemeingültigkeitsanspruch der Wissenschaft?

Nicht nur Gender Studies, auch die Jüdischen Studien haben gezeigt, dass viele angebliche „Fakten“ der Biologie und anderer Naturwissenschaften – etwa im Rassismus – auf kulturellen Konstrukten basieren. Damit sind wissenschaftliche Traditionen, die als unhintergehbar galten, historisiert worden: Es zeigte sich, dass sie einem bestimmten „Zeitgeist“, einer politischen oder sozialen Ideologie geschuldet waren. Die Erkenntnisse und Methoden der Wissenschaft wurden damit insgesamt hinterfragbar; sie mussten sich der Wissenschaftsgeschichte stellen (was sie nicht immer tun). 

 

Wo sehen Sie die Bedeutung der Jüdischen Studien für die: 

a)    Wirtschaftswissenschaften: Die Religionen und Kulturen, die aus ihnen hervorgingen, schufen sehr unterschiedliche ökonomische Systeme. Das wird besonders deutlich bei der Gegenüberstellung von jüdischen und christlichen Traditionen in Geldpolitik, Geldbeglaubigung, Umgang mit Schulden, Geld und Gemeinschaft. 

b)    Mathematikwissenschaften: Der Umgang mit der Ziffer Null unterscheidet jüdische und christliche Traditionen. Die Null repräsentiert mehr als nur ein Zeichen – dahinter steht ein ganzes Universum des mathematischen und philosophischen Denkens.

c)     Rechtswissenschaften: Die unterschiedlichen Normen jüdischen und römisch-christlichen Rechts erzwingen eine Reflektion über die Entstehung und Codifizierung des Rechts in Europa.  Da das jüdische Recht – wegen der Diaspora-Erfahrung, die schon in Babylon begann – zudem eine Rechtsinterpretationspraxis entwickeln musste, um das eigene Recht mit dem des Gastlandes kompatibel zu machen, bietet sich hier ein Erfahrungsschatz, der für die modernen Gesellschaften, die unter dem Zeichen von Globalisierung und Migration stehen, wegweisend sein kann.  


Was ist Ihrer Meinung nach die wichtigste Quelle/Ihr Lieblingstext? 

Ernst H. Kantorowicz, Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters, übers. v. Walter Theimer u. Brigitte Hellmann, München 1990. Er ist für die Jüdischen Studien deshalb relevant, weil er zeigt, wie theologische Dogmen des Blutes für die säkulare Welt relevant wurden.

 

Was wünschen Sie sich für die Jüdischen Studien?

Eine deutliche Ausrichtung auf die Selbstreflexion in der nicht-jüdischen wie auch der jüdischen Kultur und Gesellschaft. 

 

Was sollte nach Ihrer Meinung aus Ihrem Forschungsbereich im Schulunterricht/in den Bildungsbereich/in die Gesellschaft Eingang finden?

Die Überschneidungen von Jüdischen Studien und Gender Studies. Sie vermitteln ein präziseres Verständnis für die Art, wie sich ideologische und religiöse/kulturelle Konstrukte in die Realität eingeschrieben haben und vermeintliche Wahrheiten über Rasse, Andersheit oder Gemeinschaftsbildung hervorbrachten. 

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