Was versteht die Kabbalah unter dem Bösen? (Prof. Giulio Busi)

23.01.2020 | 19:00

„Der Ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe das Übel. Ich bin der Herr, der solches alles tut“, so spricht Gott in Deutero-Jesaja (45,7). Wie ist das zu verstehen? Warum gibt er den Frieden lediglich, während das Übel mit dem schöneren und heiligen Wort „geschaffen“ bedacht wird? Bei den griechischen Denkern, deren Spuren sich später im Christentum wiederfinden, wird das Böse als Abwesenheit des Seins, als Deprivation gesehen, während im besagten Zitat aus der hebräischen Bibel nicht nur im Sein anwesend, sondern von Gott geschaffen ist.
Dass in der jüdischen mystischen Tradition die Frage nach dem Bösen anders beantwortet wird als in der griechisch-christlichen Tradition, ist bereits zur Zeit der Renaissance zur Kenntnis genommen worden, so z.B. in den Werken des Pico della Mirandola (1463 – 1494). Das große und schwerwiegende Problem der Theodizee wurde aus dieser jüdischen Tradition heraus in gewisser Weise grundlegender und weniger euphemistisch angegangen. Woher kommt das Böse? Aus monotheistischer Sicht lautet die Frage: wie kann der allliebende Gott das Böse zulassen? Oder eben: was bewegt Gott, das Übel als einen Aspekt der Wirklichkeit selbst zu schaffen?
Giulio Busi, ein Experte in jüdischer Mystik, berührt in seinem Vortrag diese fundamentale Frage, an der sich Philosophen, Theologen, später Soziologen und Psychologen seit Jahrhunderten abgearbeitet haben. Ein Thema, so scheint es, dass angesichts des Erstarkens religiöser Fundamentalisten einerseits und dem Bedürfnis nach „Erlösung“ auch glaubensferner Gesellschaften andererseits, an Aktualität nichts eingebüßt hat. Giulio Busi ist Professor für Judaistik an der Freien Universität in Berlin und Leiter des zugehörigen Instituts. Als langjähriger Autor für das Feuilleton der italienischen Zeitung “Il Sole 24 ore“ hat er Beiträge über Judaismus, die Geschichte der Renaissance und die Philosophie von Giovanni Pico della Mirandola veröffentlicht. Ferner hat er Biographien über Lorenzo de' Medici, Michelangelo und Marco Polo verfasst. Sein jüngstes Werk über die jüdische Mystik hat den italienischen Titel „Città di luce. La mistica ebraica dei palazzi celesti" (Einaudi, Turin 2019).

Zeit & Ort

23.01.2020 | 19:00

Literaturhaus
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